Helmut Schmidt, der leitende Angestellte der Bundesrepublik
Nach seinem Eintritt in den Deutschen Bundestag als SPD-Abgeordneter Anfang der 1950er Jahre beweist Schmidt schnell ein außergewöhnliches rhetorisches Talent, eine Vorliebe für klare Begriffe und eine Leidenschaft fürs Debattieren. Bald hat er der damals junge Politiker (er war erst 34 Jahre alt, als er in Bonn begann) einen Spitznamen: „Schmidt Schnauze“.

Von Willy Brandt, ebenfalls SPD, übernimmt Helmut Schmidt 1974 nach dessen Rücktritt das Amt des Bundeskanzlers. Bis zum konstruktiven Misstrauensvotum des Parlaments 1982 hat der Hamburger es inne. Pragmatismus und ein sehr persönliches Pflichtgefühl gegenüber der Demokratie prägen Schmidts politisches Handeln.

Als „leitender Angestellter der Bundesrepublik“, wie Helmut Schmidt sich selbst, vielleicht augenzwinkernd, bezeichnete, wurde er zum Krisenmanager par excellence. Die acht Jahre seiner Kanzlerschaft hielten zahlreiche Herausforderungen bereit: die Folgen der Öl- und Weltwirtschaftskrise, den „Deutschen Herbst“ des RAF-Terrors, innenpolitische Widerstände gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Anti-Atomkraft-Bewegung. Helmut Schmidt steht für eine verantwortungsvolle Finanzpolitik in einer durch enorm gestiegene Ölpreise ökonomisch angespannten Zeit.

 

Krisenmanager Schmidt: RAF-Zeit und Entführung der „Landshut“
Mitte der 1970er Jahre erlebt die Bundesrepublik eine Terrorwelle der sogenannten „Rote Armee Fraktion“ (RAF). Ihren Höhepunkt erreicht sie im „Deutschen Herbst“ von 1977 mit der Entführung des Präsidenten der Arbeitgeberverbände Hanns Martin Schleyer. Die Ausrichtung im Krisenstad unter Leitung Schmidts ist klar: Es soll keinen Austausch von Geiseln gegen inhaftierte RAF-Terroristen geben, der Staat dürfe sich nicht erpressbar machen. So hinterlegen Bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Ehefrau Loki schriftlich, dass sie beide, im Falle einer Entführung, nicht gegen Terroristen ausgetauscht werden wollen.

Als am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Boeing 737 „Landshut“ mit 82 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Rückweg von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main von palästinensischen Sympathisanten der RAF entführt wird, sendet Helmut Schmidt im Laufe der sechstägigen Entführung Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski als Unterhändler ins somalische Mogadischu, der letzten Station der Flugzeugentführung. Nach insgesamt fünf Tagen stürmt die Sondereinsatztruppe der GSG 9 die „Landshut“ – mit Erfolg: Die Geiseln werden lebend befreit. Die in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder begehen daraufhin Selbstmord, Hanns Martin Schleyer wird von seinen Entführern ermordet. „Ich bin in Schuld verstrickt“, wird der Bundeskanzler später sagen. Schmidts Unnachgiebigkeit gegenüber dem Terror erfährt in der Bevölkerung große Zustimmung.

 

Helmut Schmidt und Europa
Die europäische Integration ist eines der wichtigsten Themen für Helmut Schmidt. Er versteht sie als Fundament für dauerhaften Frieden zwischen den Völkern auf dem Kontinent. Diese Leidenschaft eint ihn auch mit Valéry Giscard d’Estaing, dem französischen Staatspräsidenten, mit dem ihn eine enge, dauerhafte Freundschaft verbindet. 1974 kommen sie, in wirtschaftlich sehr angespannten Zeiten, fast zeitgleich an die Spitze ihrer jeweiligen Staaten. Trotz mancher Widerstände setzen die beiden Staatsmänner auf deutsch-französische Zusammenarbeit und eine Abstimmung der Wirtschaftspolitik – bilateral und in Europa. Zusammen rufen sie 1975 den ersten Weltwirtschaftsgipfel als Vorläufer der G7- bzw. G8-Gipfel ins Leben. Zusammen mit Valéry Giscard d’Estaing erarbeitet der ausgewiesene Finanzpolitiker Schmidt den Ecu (European Currency Unit) als System der europäischen Währungsintegration und Vorläufer des Euro.

 

Der Elder Statesman
Insbesondere in der Zeit nach der Jahrtausendwende wächst Helmut Schmidts Bedeutung als Elder Statesman. Er publiziert als Autor oder Herausgeber im Laufe seines Lebens insgesamt rund 45 Bücher und ab 1983 unzählige Artikel in der Wochenzeitung Die ZEIT. In Talkshows und Gesprächsrunden spricht er – stets profund durchdacht und markant formuliert – über welt- und finanzpolitische Themen und wird laut Umfragen der beliebteste Politiker der Bundesrepublik Deutschland.